Heidelberg-Mordserie an Anhalterinnen
Rhein-Neckar-Mordserie mit Parallelen zur Münsterland-Serie
Die Mordserie an jungen Anhalterinnen im Raum Heidelberg gehört zu den ungeklärten Verbrechen der Rhein-Neckar-Region. Zwischen 1975 und 1980 verschwanden mehrere junge Frauen, die meisten von ihnen blond, zierlich und als Tramperin unterwegs. Schon früh, im Jahr 1977, thematisierte „Aktenzeichen XY … ungelöst“ offensichtliche Parallelen zur Münsterland-Mordserie mit vier Frauen zwischen 1971 und 1974.
Die vier Morde an Monika Sorn, Maria Else Scholte, Monika Pfeifer und Maria Theresia Majer werden als eigentliche „Heidelberger Mordserie“ zusammengefasst – zwei weitere Mordfälle, Gudrun Thomé und Erika Handschuh, sind eine mögliche Erweiterung der Heidelberg-Serie.
Monika Sorn († 13.09.1975)
Am 13.09.1975 verlässt die 17-jährige Monika Sorn aus Hemsbach an der Bergstraße gegen 19 Uhr das Elternhaus, um zu einer Freundin zu gehen. Lebend wird sie zuletzt zwischen 19:20 und 20 Uhr gesehen, als sie die Gaststätte „Hemingisbach“ in Hemsbach in Begleitung eines unbekannten Mannes in Richtung Parkplatz verlässt.
Der Mann soll 25-30 Jahre gewesen sein, schlank, sonnengebräuntes Gesicht mit dunklen, mittellangen, linksgescheitelten Haaren. Er trug einen hellen Sommermantel, beigefarbene Hose und einen hellen Rollkragenpulli. Es steht zu vermuten, dass er sie im Auto mitnahm.
Zwei Wochen nach dem Verschwinden, am 27.09.1975, findet morgens ein Spaziergänger ihre Leiche im Lampertheimer Stadtwald nahe Neuschloß in Hessen. Der Wald liegt nördlich von Mannheim und Ludwigshafen und sollte nicht das letzte Mal zu einem Tatort werden. Monika Sorn war teilweise entkleidet, ihre Kordjacke und braun-gelbe Leinenumhängetasche mit Geldbörse (2 DM) und ihr Personalausweis fehlen. Ihre genaue Todesursache konnte nicht mehr ermittelt werden, aufgefunden wurde sie in Bauchlage, mit Waldboden und Laub bedeckt.
Maria Else Scholte († 30.04.1976)
Am 30.04.1976 ist Maria Else Scholte (20) aus Ludwigshafen am Rhein unterwegs, um als Anhalterin von Heidelberg nach Ludwigshafen zu fahren. An der Ausfallstraße in Richtung Autobahn wird sie gegen 9:30 Uhr das letzte Mal lebend gesehen.
Am 20.05.1976 wird ihre Leiche gegen 11 Uhr im Stadtwald Lampertheim in Hessen gefunden, nur etwa 300 Meter von der Stelle entfernt, an der auch Monika Sorn gefunden wurde. Sie wurde vergewaltigt, gewürgt und durch je einen Messerstich in Brust- und Rückenbereich ermordet. Sie wurde mit Laub, Erde und Ästen bedeckt aufgefunden.
Monika Pfeifer († 11.10.1976)
Monika Pfeifer ist 18 Jahre alt, stammt aus Dossenheim bei Heidelberg und arbeitet als Verkäuferin in einem Heidelberger Kaufhaus.
Am Abend des 11.10.1976 besucht sie zunächst ein Lokal der Altstadt von Heidelberg und fährt danach zu ihrem Freund nach Ziegelhausen. Der Plan ist, dass er sie später wieder heimbringt, doch der Freund ist so müde, dass er sofort einschläft. Monika will in der Nacht dennoch unbedingt nach Hause und verlässt die Wohnung, um als Anhalterin in Richtung Bergstraße zu fahren.
Zweieinhalb Monate später, am 20.12.1976, entdeckt ein Arbeiter am Rhein nahe der Konrad-Adenauer-Brücke, die Mannheim und Ludwigshafen verbindet, eine im Wasser treibende unbekleidete Frauenleiche mit einer Plastiktüte über dem Kopf. Die genaue Todesursache, ob Ertrinken, Ersticken durch die Plastiktüte oder vorherige Gewalt ließ sich nicht mehr sicher feststellen.
Marie Therese Majer († 28.04.1977)
Maria Theresia Majer ist mit 15 Jahren das jüngste bekannte Opfer der Heidelberger Serie. Mehrere Quellen schreiben, dass sie älter wirkte, als sie tatsächlich war, und als einziges der ersten vier Mordopfer der Heidelberg-Serie eine Kurzhaarfrisur trug. Am 28.04.1977 trampt sie in Heidelberg und wird nahe der Brückenstraße gesehen, wie sie in einen graublauen Opel oder Ford mit dem Kennzeichen HD-?? 527 einsteigt.
Nur einen Tag später wird ihre Leiche auf einem Acker bei Schriesheim im Raum Heidelberg gefunden, teilweise entblößt an einen Apfelbaum gelehnt. Sie wies schwerste Schädelverletzungen auf, zudem mehrere Messerstiche. Am Bauch war ein umgedrehtes Kreuz eingeritzt.
Gudrun Thomé (vermisst)
Die 15-jährige Gudrun Thomé verschwand am 21.04.1979 spurlos im Umfeld der Diskothek „Flair“ in St. Leon-Rot (bei Heidelberg). Dort war sie mit zwei Männern gesehen worden. Interessant ist an diesem Fall, dass dieser mit der Serie der Disco-Morde in Cuxhaven/Bremerhaven zeitlich zusammenfällt, in der die Opfer ebenfalls vermisst werden.
Erika Handschuh († 27.11.1980)
Erika Handschuh ist 22 Jahre und lebt in Sandhausen bei Heidelberg. Sie arbeitet in einem Schuhgeschäft in Heidelberg, wohnt wieder bei ihren Eltern und führt eine Beziehung zu einem Freund im selben Ort, etwa drei Kilometer entfernt. Am Abend des 27.11.1980 verlässt Erika gegen 19:30 Uhr das Elternhaus, um zu ihrem Freund zu gehen; sie ist gewohnt, die Strecke bei schlechtem Wetter als Anhalterin zu fahren. Ein Zeuge beobachtet, dass sie mit dem Fahrer eines grünen VW Golf mit Bad-Kreuznacher Kennzeichen (KH) spricht; wenig später hört er eine Autotür und nimmt an, dass Erika eingestiegen ist.
Am 30.11.1980 wird in einem Waldgebiet bei Bad Kreuznach ihr Leichnam entdeckt, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Sie ist gedrosselt und durch einen Messerstich getötet worden. Nicht gefunden wird ihr langer schwarzer Stoffmantel, ein schwarz-weißes Arafattuch sowie eine helle Basttasche mit ihrem Personalausweis. Der Fundort liegt 150 Kilometer von Sandhausen entfernt – ein deutlich größerer Radius als bei den übrigen Fällen.

Mögliche Verbindungen zu anderen Mordserien
Schnell fiel auf, dass die Heidelberg-Mordserie nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern vielmehr in eine bundesweite Mordserie an Anhalterinnen eingebettet sein könnte.
Münsterland-Morde (1971–1974)
Im Münsterland und der Grafschaft Bentheim verschwanden zwischen 1971 und 1974 vier junge Frauen, die größtenteils als Anhalterinnen unterwegs waren. Sie wurden erwürgt und in „inszenierten“ Positionen auf Feldwegen oder in Wäldern abgelegt. Die Serie bricht im Jahr 1974 nach vier Morden abrupt ab, 1975 beginnt im Rhein-Neckar-Raum mit Carmen Fuchs dann eine neue Mordserie, die im Kern bis 1977 anhält.
Cuxhaven-/Bremerhaven-Serie (Disco-Morde, 1977-1986)
Später werden Parallelen zu den Disco-Morden im Elbe-Weser-Raum zwischen Cuxhaven und Bremerhaven gezogen. Hier verschwanden ab 1977 junge Frauen als Anhalterinnen nach Disco-Besuchen spurlos.
Auffällig sind, auch wenn ein Zufall naheliegt, die Vornamen der Opfer, die in der Cuxhaven/Bremerhaven-Serie in den ersten vier Fällen mit A beginnen, während die vier Vornamen in der Heidelberg-Serie jeweils mit M (Monika/Maria/Marie) beginnen.
Tatverdacht gegen Kurt-Werner Wichmann
Betrachtet man die
- Münsterland-Serie (1971-1974)
- Rhein-Neckar-Serie (1975-1977)
- Elbe-Weser-Serie (1977-1986)
zusammen, fällt der zeitliche Zusammenhang sowie die räumliche Verlagerung auf, die nahezu genau mit denen von Kurt-Werner Wichmann korrespondiert. Am 10.09.1969 wird er aus der Jugendanstalt Hameln entlassen, ein Jahr später, am 20.11.1970, begeht er einen versuchten Totschlag nach der Vergewaltigung an einer 18-jährigen bei Lüneburg. Für die Tat wird er vom Landgericht Lüneburg zu einer Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren verurteilt (Urteil vom 19.07.1971 – 8 Ks 1/71). Damit ist das Gebiet um Lüneburg herum zu gefährlich für ihn geworden.
Fast auf den Tag genau ein Jahr später (21.11.1971) beginnt die Mordserie im Münsterland, also zeitnah nach seiner Verurteilung und etwa zwei Stunden entfernt von der Jugendanstalt Hameln. Noch vor dem Haftantritt in der JVA Wolfenbüttel am 22.08.1973 könnten noch zwei Münsterland-Morde auf das Konto von Kurt-Werner Wichmann gehen, der letzte der Münsterland-Serie könnte nur während eines Freigangs oder Hafturlaubs begangen worden sein. Dass er diese damals hatte, ist durch die Aussage seiner Freundin, die er besuchte, gesichert.
Nach seiner Haftentlassung am 03.03.1975 zog er zu seiner Lebensgefährtin in Linkenheim-Hochstetten bei Karlsruhe, im Monat darauf, am 25.04.1975 stirbt Carmen Fuchs, die als Anhalterin unterwegs war. Sie wird fünf Tage später erwürgt im Hardtwald nahe Karlsruhe gefunden. Fünf Monate später beginnt die Mordserie Heidelberg (Monika Sorn) – keine Autostunde entfernt von seinem damaligen Wohnort.
Spätestens 1978 zieht Kurt-Werner Wichmann zurück nach Lüneburg, da hatte die Cuxhaven/Bremerhaven-Mordserie gerade begonnen. Die Haftstrafe ist verbüßt, die Bewährungszeit gerade abgelaufen.
Parallelen zu anderen Verdachtsfällen
Der Opfertypus ist über alle Serien hinweg vergleichbar, junge Frauen oder Mädchen, die als Anhalterinnen unterwegs sind, meist im Umfeld von Gaststätten, Lokalen und Diskotheken. Dies kann dafür sprechen, dass er seine Opfer gezielt ausgewählt haben könnte.
Es gibt zahlreiche Übereinstimmungen im Modus Operandi des Täters. Die Frauen wurden teilweise bäuchlings (Sorn/von Boxel) abgelegt, mit Ästen bedeckt (Sorn/Scholte/Göhrde), mit verknoteter Plastiktüte über deren Kopf (Monika Pfeifer/Birgit Meier), in einer inszenierten Position (Majer/Münsterland), teilentblößter Scham (Sorn/Münsterland).
Dass Serientäter keinen festen Modus Operandi haben, sondern ihre Tathandlungen variieren oder perfektionieren, kommt sehr häufig vor, völlig starre Muster sind dagegen eher selten.
Eine Besonderheit dieser Serie ist zweifelsohne auch, dass die Opfer in den ersten drei Fällen jeweils wenige Kilometer in ein anderes Bundesland verbracht wurden (von Baden-Württemberg nach Hessen). Sollte dies durch verschiedene Zuständigkeiten der Polizei die Ermittlungen erschweren? Auch in der Münsterland-Serie war dies schon der Fall.
Vielen Fällen gemein ist auch, dass persönliche Gegenstände fehlen, die auch nicht wieder auftauchen (Schlüssel und der Personalausweis). Serientäter behalten zwar relativ häufig „Trophäen“ ihrer Opfer, aber persönliche Ausweispapiere sind sehr selten. Eine Theorie wäre, dass diese die Vornamen-Serien dokumentieren sollten.
Hinweise auf Kurt-Werner Wichmann
Zahlreiche Hinweise, die wir erhalten haben, zeigen, dass Kurt-Werner Wichmann jeweils in diesen Regionen aktiv war. Hinweisgeber:innen in diesen Fällen konnten ihn eindeutig als Täter identifizieren. Auch diese Hinweisgeber:innen sprach er aus dem Auto heraus an, verfolgte sie, bot an, sie mitzunehmen oder nahm sie als Anhalterinnen mit, die ihm aber schließlich entkommen konnten.
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